Mit der "World Discoverer" auf Expeditionskreuzfahrt nach Vanuatu und Papua Neu-Guinea
 
 

 

 
 

5. Trobriand – Inseln der Liebe

18 Tage per Expeditionsschiff von Südsee-Insel zu Südsee-Insel gondeln – ein Traumurlaub. Die zu Papua Neu-Guinea zählenden Trobriand-Inseln sind kulturell sehr interessant.

Auf der angeblichen sexuellen Freizügigkeit der Südsee-Bewohner beruht ja ein guter Teil des Südsee-Traums des in anderen steiferen gesellschaftlichen Regeln eingebundenen Europäers. Gegenüber Besuchern herrscht hier jedoch gesundes Misstrauen, thailändische Zustände sind nicht zu befürchten. Innerhalb des Volkes ist es natürlich eine andere Sache und auf den Trobriand-Inseln besteht eine für unsere Perspektive sehr ungewöhnliche Tradition.


Hier hat Michael Moore unrecht: Es gibt nicht nur „God bless America“

Hier herrscht Matriarchat und das Vermögen der Familie wird über die Töchter und nicht die Söhne weitergegeben. Außerdem bringt die Kinder nach der bis ins letzte Jahrhundert allgemein anerkannten Meinung zwar nicht der Storch, doch entstehen sie nicht etwa beim Verkehr, sondern leben bereits auf einer abgelegenen Insel und wechseln von sich aus in den Körper einer Frau über, ob diese nun verheiratet ist oder nicht. Somit gibt es keine unehelichen Kinder und keine Schuld an einer Schwangerschaft. Ebenso ist ein Mann an der Geburt absolut unbeteiligt, seine Anwesenheit in den neun Monaten der Geburt prägt dann allerdings das Aussehen des Kindes mit. Wenn jemand stirbt, so zieht sich seine Seele nach einem Jahr, in dem sie noch unter den Lebenden im Dorf aufhält, auf die abgelegenere Insel Tuma, die „Insel der Seelen“ zurück – und kommt irgendwann als Baby wieder.

Je mehr Sexpartner ein Trobriander hatte, desto angesehener ist er

Ganz im Gegensatz zur westlichen Kultur gilt es auf diesen Inseln auch für die Mädchen als erstrebenswert, vor der Hochzeit so viele Geschlechtspartner wie möglich zu haben – wer geliebt wird, ist attraktiv und ein interessanter Partner für eine Ehe. Dies stärkt das Gemeinschaftsgefühl auf den kleinen Inseln. Erst mit der Heirat gibt es Treue. Daher der Name „Inseln der Liebe“.


Statt Fußball: Ein Wimpel für den weit kommunikativeren, allerdings auch zeitintensiveren Kula-Ring

Ein weiteres interessantes System auf den Trobriand-Inseln ist der Kula-Tauschring. Hierzu werden aufwendige Reisen zwischen den Inseln unternommen, die auch den eigentlichen Wert der Tauscherei darstellen: Sie stärken den Zusammenhalt über die eigene Insel hinaus. Dabei werden im Uhrzeigersinn über die in einem Kreis von 1600 Kilometern verteilten Inseln Hals-Muschelketten weitergereicht, gegen den Uhrzeigersinn dagegen Armbänder. Der symbolische Wert der Gegenstände steigt immer mehr, je mehr bekannte Tauschpartner ihn schon einmal hatten. Allerdings verlassen die Gegenstände nie den Tauschring, werden also nie in Lebensmittel oder andere Güter getauscht, denn das würde den Kularing zerstören. Nahrungsmittel werden über andere Systeme getauscht. Den Ring einmal zu durchlaufen dauert Generationen.

Der Kula-Tauschring hält die Inseln zusammen

Wir werden auf Kitava erwartet, im Dorf Lalela ist eine große Tanzvorführung für uns geplant. Doch ist in der Nacht vor unserer Ankunft eine Frau im Dorf gestorben und die Bewohner sind deshalb in Trauer – es ist daher zunächst nicht klar, ob wir anlanden sollen oder nicht. Da die Geister der Toten ja ein Jahr im Dorf bleiben, ist es wichtig, diese nicht zu erzürnen und alle Trauerrituale einzuhalten. Schließlich bekommt die Expeditionsleitung doch ein „Ok“ – auf unseren Besuch will man nicht verzichten.


Die Grundschule Kitava – hier findet das Sing-Sing statt


Ein Klassenraum der Kitava-Grundschule


Nach dem Wolkenbruch frisch gegossene Hibiskus-Blüte

Auf Kitava empfängt uns eine warme Dusche – ein tropischer Wolkenbruch. Die einen ziehen sich gegen den Regen schnell noch etwas über, das nach zwei Minuten natürlich ebenso durchweicht ist – die anderen ziehen stattdessen möglichst viel aus und packen es in den wasserdichten Rucksack. Nach einer Viertelstunde zieht der Wolkenbruch wieder ab, der dank der Temperaturen nicht wirklich unangenehm war.


Tanzgruppe der Jungen – mit einem Albino, die in Lalela häufiger anzutreffen sind


Sing-Sing der Mädchen


Dass den Tänzerinnen das Sing-Sing Spaß macht, ist nicht zu übersehen

Die Tanzvorführung ist imposant – insgesamt fünf große Gruppen von Schülern und Schülerinnen verschiedener Jahrgänge zeigen Dinge aus dem Alltagsleben wie das Ernten und singen dazu, weshalb eine solche Vorführung auch Sing-Sing heißt. Mit dem berüchtigten gleichnamigen Gefängnis hat dies selbstverständlich gar nichts zu tun.


Tuam hat sich in mehreren Stufen aus dem Meer erhoben


Die Windschutzwand aus Ästen und Kokosfasern


Die Windschutzwand mit Lücke zum Durchgang von innen

Am nächsten Tag ist Tuam angesagt – eine sehr langgestreckte und in mehreren Stufen weit aus dem Meer ragende Insel, die von der World Discoverer noch nie besucht wurde. Deshalb müssen wir sie erst einmal komplett umrunden, um einen geeigneten Liegeplatz zu finden, was uns interessante Ansichten bringt. Da Tuam quer zur Windrichtung liegt, wurde der rare fruchtbare Boden ständig weggeblasen, weshalb die Einwohner eine Wand als Windschutz aufgebaut haben. Etliche eigene Theatergruppen und auch solche von anderen Inseln treten für uns auf.


Begrüßung am Strand von Tuam. Die kreisförmigen Amulette entstehen aus Schweinehauern: Den Schweinen werden die Gegenzähne herausgebrochen, woraufhin sich die Hauer kreisförmig verwachsen


Eine der zahlreichen für uns abgehaltenen Theatervorführungen


Nett hergerichtetes Haus auf Tuam

„Bird of Paradise“ – weltberühmt, aber nur noch schwer zu sehen


Bei der Vogelbeobachtung entdeckter „kleiner Käfer“

Nun ist das einzige Mal auf der Reise eine Anlandung an einem Kai angesagt, nämlich am Hafen in Madang am „Festland“, der Hauptinsel. Um halb fünf früh brechen wir bereits – mit Anti-Mückenspray ausgerüstet, denn um diese Zeit sind die Moskitos aktiv – in den Wald zur Vogelbeobachtung auf. Ein Paradiesvogel, dessen Federn ein wichtiges Schmuckelement der traditionellen Kostüme ist, lässt sich blicken und auch einige andere Vögel; die meisten hört man allerdings eher, als dass man sie sieht. Später sehen wir ganze Bäume voller Flughunde, einer Fledermausart mit bis zu 1 Meter 50 Flügelspannweite, die sich tagsüber nicht in Höhlen zurückzieht. Schließlich besuchen wir das Dorf Bil-Bil, das von einem Russen erstmals Ende des 17. Jahrhunderts entdeckt worden war.


Im Baum an einer Hauptverkehrsstraße schlafende Flughunde

Die Hauptinsel Neu-Guinea liegt nur knapp südlich des Äquators und 160 km nördlich von Australien. Mit einer Gesamtfläche von 771.900 Quadratkilometern ist sie – nach Grönland – die zweitgrößte Insel der Erde. Eine willkürlich „am grünen Tisch“ gezogene Grenzlinie am 141. Längengrad teilt sie in den westlichen Teil West-Papua, der heute von Indonesien annektiert ist und in den östlichen Staat Papua Neu-Guinea, der seit 1975 unabhängig ist. Zu diesem gehören noch der Bismarck-Archipel, die Trobriand- und die D’Entrecasteaux-Inseln, die drei Inseln der Louisiade-Gruppe sowie die beiden nördlichen Inseln der Salomonen. Von den kleinen Inseln aus bezeichnet man die Hauptinsel bereits als „Festland“, das in seiner Längsachse von einem zentralen Gebirgsmassiv durchzogen ist, den Kordilleren. Der tropische Regen-Bergwald Papua Neu-Guineas zählt zu den artenreichsten der Erde. Die teils sehr steil aufragenden Berge (2000 Meter Höhenunterschied auf 10 bis 15 Kilometer Strecke!) erreichen bis zu 5000 Meter Höhe, weshalb auch hier in Äquatornähe auf den höchsten Bergen Schnee liegt, während an der Küste relativ konstante 28°C herrschen.


Traditionelle Töpfer-Vorführung in Bil-Bil: Unsere Töpferscheibe war hier unbekannt


Herstellung eines Einbaum-Kanus für die Auslegerboote

Die ersten Einwanderer kamen als Jäger und Sammler spätestens 32.000 bis 24.000 v. Chr. in der zweiten Würmkaltzeit trockenen Fußes nach Neuguinea, ebenso die zweite Einwandererwelle der Papuas 18.000 bis 12.000 v. Chr. Eine zweite Papuawelle erreichte dann 10.000 bis 5.000 v. Chr. die Inseln, wozu nun – da die Eiszeiten vorbei waren und das Wasser höher stand – Boote erforderlich waren. Sie brachten den steinzeitlichen Hackanbau und das Hausschwein mit. Ungefähr 1.000 v. Chr. kamen die letzten Einwanderer. In diesem Zustand blieben die Inseln, von einwandernden Melanesiern an der Küste abgesehen, bis zur Entdeckung durch die Europäer ab 1527. Die reichen Bodenschätze führten unter anderem 1897 zu einem Goldrausch, heute ist Kupfer ein wichtiger Exportartikel. Auf der Papua Neu-Guinea vorgelagerten Insel Bourgaineville führte eine ausländische Mine und die dadurch ausgelöste Naturzerstörung jedoch zum Bürgerkrieg.


Kein Stotter-Witz, sondern Tradition: Ein Sing-Sing in Bil-Bil

Papua Neu-Guinea kennt rund 820 Sprachen, die nochmals in weitere Dialekte zerfallen – die Bewohner benachbarter Dörfer sprechen teils bereits verschiedene Sprachen. Die Staatssprache wurde deshalb „Pidgin-Englisch“, das Mitte des 19. Jahrhunderts entstand und neben Englisch auch 20% einheimische und 5% deutsche Worte verwendet. Eines der häufigsten Pidgin-Wörter ist „blong“ für englisch „belong“ = „zu etwas/jemand gehören“. „Basket blong titi“ ist folglich ein Ausdruck für einen hier ziemlich ungebräuchlichen Gegenstand: den BH.  


Kennt man bei uns nur aus dem Blumentopf

Mehr Fotos und auch Videos gibt es auf den Bilder-Seiten!

-> weiter: 6. Singing in the rain…

 
 
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